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27.12.2020 | Ausblick
 

Ein Wort für ein Jahr


"Barmherzigkeit" - ein altes Wort, das ganz aktuell ist. Die Not unseres Mitmenschen kann von uns mehr fordern, als das Gesetz erlaubt oder vorschreibt. Dieses "Mehr" ist die Barmherzigkeit.

Der Jahresspruch 2021 lautet: "Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist." (Lukas 6,36). Die tätige Liebe orientiert sich nicht an Vorschriften. Sie orientiert sich daran, wie Gott mit seiner Welt umgeht.

Ein Wort für ein Jahr

Der Duden umschreibt den Ausdruck «barmherzig» mit folgenden Worten: «Mitfühlend, mildtätig gegenüber Notleidenden; Verständnis für die Not anderer zeigend».
Dass sich der Staat um soziale Anliegen kümmert, ist eine moderne Entwicklung. Bis etwa 1870 war die Armenfürsorge Sache der Kirchen. Erst mit der Arbeiterbewegung entstanden Kassen, die Krankheit und Unfall abfederten. Die AHV gibt es seit 1948.

Im Unterschied zur Barmherzigkeit entlasten uns «solidarische» Einrichtungen wie die Krankenkasse oder die Arbeitslosenversicherung vom Mitgefühl. Wer sein Scherflein entrichtet hat, braucht sich nicht mehr um die Menschen zu kümmern.

Solidarität oder Barmherzigkeit?

Es ist klar, dass unsere Fähigkeit zum Mitgefühl und unsere Mittel, um Hilfe zu leisten, begrenzt sind. Es ist einfach, staatliche Hilfe für «die Notleidenden» oder «die Flüchtlinge» im Allgemeinen zu fordern. Aber jemand in Not zu unterstützen, Zeit zu opfern, zuzuhören, Geduld zu haben – das können wir nur bei wenigen Menschen.

Der Aufruf: «Seid barmherzig!» ist also kein politischer Appell, sondern ein Weckruf. «Mach deine Augen auf und schau um dich herum. Wo ist der Mensch, der dich braucht?» – Stephanie Bahlinger legt auf ihrer Illustration ein Kind in die Liebesflamme. Ein Kleinkind ist der Inbegriff von Bedürftigkeit und Hilflosigkeit. Es schreit nach Barmherzigkeit. Sind wir uns bewusst, dass auch wir Bedürftige sind, wir alle? Dass Gott uns täglich in seiner Barmherzigkeit versorgt und trägt?

In der aktuellen Lage werden wir oft zu "Solidarität" aufgerufen. Sind "Solidarität" und "Barmherzigkeit" dasselbe? Solidarität bedeutet: Zusammenhalten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In der aktuellen Lage ist es klar, dass eine Regierung einheitliche Regeln aufstellen muss, um dem Virus beizukommen. Solidarität besteht darin, die hiesigen Regeln einzuhalten. Solidarität lässt sich mit Verordnungen eingrenzen und erledigen.

Barmherzigkeit weitet den Blick

Die Bibel lehrt bereits im Alten Testament den Grundsatz: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» (3. Mose 19,18). Jesus verdeutlicht die Nächstenliebe am Gleichnis des barmherzigen Samariters: Er liest seinen Erzfeind zusammen, der blutig und verbeult im Strassengraben liegt. Andere Menschen sind bereits an ihm vorbeigegangen, ohne etwas zu tun.

Der Mitmensch, der «Nächste», ist mein «Nächster» egal, ob wir die gleichen Anschauungen und Ziele teilen oder nicht. Der jüdische Philosoph Levinas sagt, allein das menschliche Antlitz meines Gegenübers beinhalte den Aufruf zur Nächstenliebe – eine «unendliche Forderung» (Simon Critchley).

Tätige Liebe ist grenzenlos. Kein Staat kann sie in ein Gesetz fassen. Sonst würde die Liebe beschnitten. Als solidarisch gilt im Moment, wer nur die Verbreitung von Viren verhindert. So sollen neu Computerspielen und Sofawärmen als «solidarisch» gelten. Beides ist nicht allzu gesund, und das BAG empfiehlt beides nicht.

Barmherzigkeit hat den weiteren Blickwinkel. Gesundheit heisst nicht nur, virenfrei zu sein. Wir alle tragen Viren in uns, unser Immunsystem ist daueraktiv, und das ist gesund. Zur ganzheitlichen Gesundheit gehören aber auch der Seelenfrieden, die Geborgenheit in Beziehungen und körperliche Nähe. Barmherzigkeit anerkennt diese Bedürfnisse, ohne sie abzuwerten gegenüber der körperlichen Gesundheit.

"Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist." (Lukas 6,36)

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